Naturerfahrung am Niederrhein

Gedanken zur Zeremonie

Die Schwitzhütte oder Inipi ist eine rituelle innere und äußere Reinigungszeremonie. Diese ist in ihrer traditionellen Form von den nordamerikanischen Indianern zu uns nach Europa gekommen. Manche Indianer sind der Meinung, dass es an der Zeit sei diese kraftvolle Zeremonie mit den Weißen zu teilen, damit auch wir den Weg der eigenen Heilung weiter beschreiten können. Vielen Indianern gefällt dies nicht und sie befürchten einen weiteren Ausverkauf ihrer Kultur und eine Bloßlegung und Entweihung ihrer heiligen Zeremonien. Andere Indianer haben dieses Wissen aus rein finanziellen Interessen weitergegeben.

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Die allgemeingültige Form der Schwitzhütte gibt es nicht. Jedes Volk, jeder Stamm und teils jede Familie hat ihre eigenen Ausformungen der Inipi. So unterscheidet sich die Holzart und Anzahl der verwendeten Gerüststangen, das Muster wie sie zusammen gebunden werden, die Ausrichtung des Eingangs nach den Himmelsrichtungen und einiges mehr. Wann und wie viele Steine in die Hütte getragen werden, wie viel Wasser aufgegossen wird, ändert sich je nach Tradition und der Inspiration des Schwitzhüttenleiters.

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Meine ersten Schwitzhütten, die ich besuchte, wurden in der Lakotatradition nach Archie Fire Lame Deer abgehalten. Später folgten traditionelle Hütten der Crow Tradition mit Ben Oldfeather Cloud und Thomas Larson Medicinehorse. Peter Alvarez ein Apache erschien mir schon ein wenig westlicher in der Ausrichtung seiner stundenlangen Zeremonien. 

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Es gibt elementare Kräfte und Qualitäten der Natur die sich überall ähnlich manifestieren. Viele Menschen reizt es, diese Qualitäten in sich zu erforschen. Ein nach Innen lauschen und sich körperlich diesen Kräften auszusetzen, verbindet Geist und Körper. In absoluter Dunkelheit zu sitzen, die kühle Erde unter sich zu fühlen, den Duft der Harze, Wurzeln, Kräuter oder Steine zu riechen, die feuchtheiße Luft auf der Haut zu spüren, der Trommel, Rassel oder den Liedern zu lauschen, den eigenen salzigen Schweiß zu schmecken, der das Gesicht runter rinnt, lässt dich wieder fühlen, dass du lebst. Dieser Weg, der die gesamte Schöpfung und den Menschen einschließt, ist die Schwitzhütte. Das Ritual, zu einem bestimmten Zweck gemeinsam zu schwitzen und sich zu reinigen, hat auch in Europa eine lange Tradition. Ich halte die indianische Tradition in großer Ehre und doch bin ich kein Wanna-be oder Apple (außen rot – innen weiß). Ich versuche als Schwitzhüttenleiter nordeuropäische Elemente mit einzubringen und mich mit den Spirits unseres Landes zu verbinden.

Zum Beispiel steht unsere Schwitzhütte genau in der Mitte eines fast gleichschenkeligen Dreiecks, dessen Eckpunkte von zwei alten Eiben und einem alten Weißdorn gebildet werden. Somit wird ganz bewusst die energetische Qualität von Eibe und Weißdorn mit einbezogen. Die Eiben lassen uns geerdet bleiben und unterstützen die Wege in die Tiefe der eigenen Gefühlswelt und der Weißdorn behütet uns mit seiner Herz öffnenden Kraft. Ich benutze vermehrt heimische Harze und Kräuter, wie den Beifuss, zum räuchern. Bei uns kann man nackt, in ein Tuch gehüllt oder leicht bekleidet in die Hütte gehen. Wir respektieren etwaige (Berührungs-)Ängste der Teilnehmer, auch wenn es durchaus heilsam sein kann die eigenen Grenzen zu durchbrechen.

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Die therapeutische Anwendung heißer Bäder ist in Indien über 5000 Jahre alt. Auch in Europa gab es eine Tradition der rituellen Reinigung. Sei es durch Wasser- oder Feuerrituale aus dem germanisch-keltischen Kulturkreis, Schwitzzelten des indogermanischen Reitervolks der Skythen, wie Herodot schon vor ca. 2500 Jahren berichtete, der skandinavischen Sauna oder römische bzw. türkische Dampfbäder. Das Rom des Kaisers Konstantinus zählte über 850 öffentliche Therme. Überreste von Dampfbädern der Ureinwohner Irlands begleiten manchen prähistorischen Steinkreis. Eine keltische Ausformung der Schwitzhütte (Teach An Alais) wird mancherorts angeboten und prähistorische Funde lassen vermuten, dass es Schwitzrituale schon in der Steinzeit gegeben haben könnte. Christian Rätsch berichtet in der Atem des Drachen über eiszeitliche Funde von Schwitzhütten im Kaukasus, deren Gestelle aus Mammutrippenknochen bestanden haben.

Ich lehne es ab, peinlichst genau eine Zeremonie aus einem anderen Kulturkreis zu kopieren, deren kulturellen Background ich kaum kenne und deren Sprache ich nicht sprechen kann. Für mich ist wichtiger bei dem was ich tue mit dem Herzen dabei zu sein. Eine Form zu finden, zu experimentieren, mit dem, was die Teilnehmer wieder mit sich und Mutter Erde verbinden lässt. Darin folge ich meinem eigenen Weg. Dieser ist undogmatisch und offen für Neues. Wenn du traditionelle indianische Schwitzhütten bei Jens oder mir erwartest, wirst du enttäuscht werden. Bist du neugierig und offen, werden hoffentlich deine Selbstheilungskräfte angeregt und dir ein paar Stunden starker Verbundenheit mit der Schöpfung und den anderen Teilnehmern geschenkt. Die Schwitzhütte ist ein Kreis und verbindet mit ihrer Symbolik, dem Bauch der Mutter Erde, alle Elemente der Schöpfung. Sie schließt niemanden aus (auch nicht die Frauen in ihrer Mondzeit), lädt ein sich zu besinnen, zu erinnern, zu fühlen und eine Verbindung mit sich selbst und der Tiefe der Existenz zu knüpfen, so dass wir neugeboren werden können.

Die Schwitzhütte ist ein heiliger Raum, der mit Achtung und Respekt betreten werden sollte. Deswegen verbeugen wir uns und berühren mit der Stirn Mutter Erde wenn wir die Hütte betreten oder verlassen. Dazu wird `mitakuye oyasin´ gesprochen, was alles ist mit mir verwandt, oder alle meine Verwandten bedeutet. Diese Aussage bekräftigt unsere Zugehörigkeit zur gesamten Schöpfung und drückt unsere Verwandtschaft mit den Elementen, Pflanzen, Tieren und Steinen aus. Jede Hütte ist anders, manchmal ist sie still und besinnlich, ein andermal ist die Energiequalität wilder oder voller Lebensfreude. Wir leben auf einer Erde und nur Aufrichtigkeit und Demut verbindet uns mit dem All-Einen. Viel spirituelles Wissen unterschiedlichster Traditionen ist fast überall zugänglich. Nur den Weg muss ein jeder selber gehen, der erschließt sich nicht durch lesen oder fernsehen. Jeder spirituelle Pfad, ist ein Pfad des inneren Gewahrseins.

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Viele indianische Lehrer sprachen immer wieder davon unseren eigenen Weg zu finden. Dieser Weg kann nur eine Verbindung aus indianischem Wissen und europäischer, eher vorchristlicher Tradition sein. Auch Europa hat ein reichhaltiges spirituelles Erbe welches es wiederzubeleben und neu zu gestalten gilt. In diesem Sinne führen Jens und ich unsere Schwitzhüttenzeremonien durch. Dazu ist jeder herzlich eingeladen, egal welcher Nationalität oder Religion er zugehört.

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